10 Jahre Icking Abo Dorfen

Eine Abo-Reihe feiert Jubiläum und geht weiter neue Wege

Icking – Dass Deutschland als Land der Dichter und Denker gilt, daran hat maßgeblich Goethe
Schuld. Dass aber diese Einschätzung nach wie vor Gültigkeit hat, daran hat zumindest im Oberland
Wolfgang Ramadan erheblichen Anteil. Denn seit 10 Jahren sorgt der Ickinger Impresario für die
„kulturelle Grundversorgung“ vor Ort, insbesondere mit seiner Veranstaltungsreihe „Icking Abo
Dorfen“. Ramadan ist damit etwas mehr als Außergewöhnliches gelungen: Er hat mit seiner Abo-
Reihe nicht nur die erfolgreichste Kulturveranstaltungsreihe im Oberland und darüber hinaus
geschaffen. Er hat eine Marke mit klarem Regionalbezug und lokaler Wiedererkennung geschaffen.
Seine Abende sind regelmäßig ausverkauft, Publikum und Künstler geben sich die Klinke in die
Hand. Und das entgegen aller Krisen und entgegen dem angeblichen bildungsbürgerlichen
Überdruss, der die Kultur an vielen anderen Orten brach liegen oder am Tropfe der öffentlichen
Hand hängen lässt.

Am Anfang war übrigens – richtig geraten – das Licht. Denn im November 2004 eröffnete Jörg
Hube als “Herzkasperl” die Reihe “Icking Abo Dorfen” und sorgte für einen denkwürdigen Auftakt.
Just während des Auftritts platzte die Glühbirne des ersten Theaterscheinwerfers, das Vereineheim
lag gänzlich im Dunkeln. Hube aber verschwand flugs hinter den Kulissen, fand eine Kerze, zündete
sie an und absolvierte den Rest seines Programms im Kerzenschein – und zum Vergnügen der
Anwesenden, die die Einlage für eine besonders stimmungsvolle Inszenierung hielten. Der örtliche
Elektriker, der die Birne später auswechselte, wurde gleich zum Abonnenten und auf Hube folgten
die renommiertesten Künstler des Landes.

In diesem Fahrwasser entwickelte sich mit „Icking Abo Dorfen“ eine der wichtigsten Veranstaltungenreihen im Oberland, in deren Genuss in den folgenden zehn Jahren zehntausende Besucher kamen. Größen wie Dieter Hildebrandt, Helmut Schleich, Gerhard Polt oder Django Asül traten hier auf. Martina Schwarzmann, das Metropoltheater oder die Wellküren gaben sich in Dorfen genauso die Ehre wie Peter Spielbauer, Claus Steigenberger oder Ramadan selbst. Und natürlich erwartet das Publikum im Jubiläumsjahr funkensprühende Auftritte
mit ebenso namhaften Künstlern. Der eigentliche Geburtstag im November 2014 wurde dabei mit
einem neuen Programm des Ickinger Wortakrobaten Peter Spielbauer begangen. Passender Titel:
„Jubiläum“. Doch inzwischen ist die Reihe auch gewachsen und hat erfolgreiche Ableger in Bad
Tölz, Bad Aibling, Weilheim, Isen, Ammergau, Starnberg und Aying hervorgebracht.

 

Das Gesamtkonzept ist dabei so einzigartig wie umfassend schlüssig. Denn Ramadans Abonnement
beinhaltet mehr als die reine Kundenbindung und den Preisvorteil von rund 20 Prozent für sechs
Veranstaltungen im Jahr. Weil jeder Abonnent seinen festen Platz reserviert hat, gibt es eine
komfortable Wiedererkennung und Gewöhnung. Zudem ist das Abo auch frei übertragbar. Sollte
also etwas dazwischen kommen oder das Programm mal nicht dem Geschmack entsprechen, dann
ist die Eintrittskarte problemlos an Freunde, Familie oder Bekannte weiterzugeben. Bestens
angenommen wird auch der höchstpersönliche Service: Ob am Telefon, im Büro oder im Netz,
ein kundiger Mitarbeiter ist immer für die Abonnenten da. Etwas verpassen oder gar eine
ausverkaufte Vorstellung gibt es für die Abonnenten nicht. Zumal das Abo lange vor dem
eigentlichen freien Markt per Post ankommt und somit in Ruhe auch noch weitere Karten bestellt
werden können. Und sollte auch von ihnen keiner kommen können, gibt es immer noch die
Kartentauschbörse auf Ramadans Homepage oder die Möglichkeit, dort das eigene Ticket an eine
örtliche soziale Einrichtung zu spenden. Eine automatische Aboverlängerung gibt es übrigens nicht,
dafür ist eine eigenständige Verlängerung unkompliziert.

Doch nicht nur das durchdachte Konzept alleine macht den Erfolg aus: Weil sich Ramadan
zwar als Veranstalter und Kulturmanager versteht, genauso aber auch als Künstler, Poet,
Querdenker, Musiker, Regisseur und Autor, kennt er die Szene seit langem und auch aus
verschiedenen Blickwinkeln. Eine solch erfolgreiche Reihe zu entwickeln, bedarf eines
langjährigen, arbeitsintensiven Aufbaus und erfordert viel Ausdauer und gegenseitiges Vertrauen.
Ramadans professionelles Arbeiten hilft und entlastet den Künstler und lässt ihn sich auf seine
wesentlichen Aufgaben konzentrieren. In dieser kleinen Szene spricht sich´s schnell herum, wenn
so etwas wie echtes Engagement und echtes Herzblut in Sicht kommt. Und Ramadan versteht sich
nicht als Türsteher eines Talentschuppens. Er setzt nur auf Künstler, die er selber kennt und deren
Programme er sich vorher angesehen hat. Auf klassische Kabarettisten, auf markante Grenzgänger,
auf die Heroen des bayerischen Theaters und Erforscher unbekannter Klangwelten. Das damit
gewachsene Vertrauen zwischen ihm als Veranstalter und den Künstlern, die zu ihm kommen, ist
folglich ein Schlüssel für den Erfolg. Aber nicht der einzige: Denn Vertrauen spiegelt sich eben
auch in den Abonenntenzahlen. Wer sich für seine Reihe entscheidet, hat nicht nur die Vorteile des
schlüssigen, kundenfreundlichen Konzepts. Ihm werden die ganz großen ihrer Zunft aus Kabarett,
Theater und Musik quasi vor die Haustüre gebracht. Theater, Musik und Kabarett werden direkt vor
Ort zu Denk- und Erfahrungsräumen, zwischen Irrsinn des Alltags und Offenbarung der Kunst. Ein
Offen- und Unernstlassen, ein Spielerisches und Vages, ein Experimentelles und Gewagtes. Mit der
Folge, dass in regelmäßigen Abständen sich etwas nachhaltig bewegt: In den Köpfen, in den Herzen
der Zuschauer.

Und oft auch im Blätterwald: Die euphorischen Presseberichte über Ramadans Veranstaltungen
füllen inzwischen ganze Kladden und sind in zehn Jahren auf knappe sechs Pfund angewachsen.
Doch auch wenn hier kein Platz ist für Zitate – sie dienen nicht dem Selbstzweck:
Ramadans Veranstaltungen sind keine Chance des Feuilletons, die Schlüsselrolle der Kultur durch
Hysterisierung zu erhalten. Aber sie sind eine weitere Möglichkeit für den Diskurs zwischen Kunst
und Kultur auf der einen, Gesellschaft und Alltag auf der anderen Seite. Und dieser wird vom
Publikum wie von der Politik vielfach aufgegriffen.
In zehn Jahren gibt es natürlich auch eine ganze Menge Geschichten, die nicht auf, sondern hinter
der Bühne passiert sind. Ein ganzes Buch könnte Ramadan damit füllen. Genannt sei hier nur ein
Beispiel, das Publikum wie Veranstalter dabei unvergesslich bleiben wird: Django Asül hielt gerade seinen Eröffnungsmonolog im Dorfener Vereineheim. Da stürmte mitten in dessen Auftritt
ein Mann mit Kampfanzug und langem Bart die Bühne von hinten und bellferte die Anwesenden
lauthals an. Nein, kein Taliban, auch wenn vielen erst einmal der Atem stockte. Es war ein örtlicher
Landwirt, der da die Bühne geentert hatte und das Publikum verdonnerte, gefälligst die Autos
umzuparken – er können mit seinem Mähdrescher nicht durch. Und dann gab es auch noch die
Episode mit einer Lokaljournalistin, die unbedarfterweise ein ewiges Blitzlichtgewitter
veranstaltete, um an Bilder von Louise Kinseher zu kommen. Der Sturm der Entrüstung des
Publikums war ihr sicher.

Doch Kunst ist von Menschen gemacht und daher auch immer etwas, um das gestritten wird. Zur
Entfaltung braucht Kunst geistige Freiheit, und diese erstreitet sie sich, indem sie den Menschen ein
Tor zur Fantasie, zum Spielerischen und bislang Unvorstellbaren öffnet. Kunst und
Gedankenfreiheit sind somit eng miteinander verbunden. Doch auch wenn Kunst ein Tor zur
Freiheit ist, ist sie selbst keineswegs frei von politischen Machtkämpfen, wirtschaftlichen Zwängen
und Vorschriften. Der Weg der Kunst hin zur Freiheit verläuft keineswegs geradlinig –
überraschende Wendungen und unvermutete Frechheiten inbegriffen.

So weckt Ramadans Erfolg Begehrlichkeiten. Die Folge: Immer mehr Veranstalter springen auf den
Zug des Abonnements auf und nutzen dabei teilweise ganz dreist und offen die Ideen von Ramadan.
Allerorten sprießen derzeit Abo-Reihen aus dem Boden, teilweise gar beworben mit identischen
Textpassagen. Nun, man könnte sagen, auch das ist ein Zeichen von Erfolg. Wenn nicht dahinter ein
wesentlicher Unterschied sichtbar würde: Ramadan als Veranstalter kostet den Städten und
Gemeinden keinen Cent. Im Gegenteil: Nicht nur stemmt er die mannigfachen Kostenfaktoren wie
Künstlergage, Saalmiete, Technik, Gema, Werbung und Druck selbst. Von seinem Gewinn zahlt Ramadan Steuern – und finanziert so Städte und Gemeinden indirekt mit.
Seine Nachahmer indes greifen zum Teil auf Gelder der öffentlichen Hand zurück, werden
manchmal gar von den örtlichen Kulturämtern mit sechsstelligen Budget ausgestattet, ehe sie die
Künstler auf Ramadans Programmen abtelefonieren und mit horrenden Gagen einladen. Insofern ist
Ramadans Kulturbegriff tatsächlich ein anderer, als der vieler öffentlicher Entscheider und Macher.
Und es wirft zumindest die Frage auf, ob das Jubiläumsjahr nicht ein Anlass für ein Umdenken sein
sollte. Auf Dauer kann man ohne Meta-Reflexion – also dem klassischen kritischen Kulturansatz –
sowieso keine Kultur machen. Und eine Reihe, die nicht nur originär und einzigartig erfolgreich ist,
sondern zugleich mit ihrem lokalen Bezugspunkten regional identitätsstiftend ist, sollte eine feste
Größe im örtlichen Kalender bleiben können.

Kultur, nämlich die Kollision der Hoffnungen der Menschen mit dem politischen Zustand der
Gesellschaft, bedarf derzeit am allerwenigsten der Verwaltung oder der unverblümten Nachmache.
Sie bedarf der steten Erneuerung und der Kultivierung. Dass Säle und Räumlichkeiten ohne
pekuniäre Gegenleistung zur Verfügung gestellt werden, wäre ein Anfang. Die Bühne als
Möglichkeitsraum – das sollte nicht nur einseitig gelten.
Doch Ramadans Konzept der kulturellen Grundversorgung wird nicht nur geklaut, es wird auch
offiziell angefragt: Derzeit entstehen neben den existierenden Abo-Reihen in Bad Tölz, Bad
Aibling, Weilheim, Isen, Ammergau, Starnberg und Aying noch weitere. Damit expandiert das
Original landesweit, vielleicht sogar bundesweit. Und das lässt nur einen Schluss zu: Die Reihe
“Icking Abo Dorfen” wird zehn Jahre. Aber alles andere als alt.